Möglichkeiten und Grenzen der deutschen Lateinamerikaberichterstattung: Ideologien und Strukturen zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft

Auf dem Podium: Ingo Malcher, Harald Neuber, Viviana Uriona
Moderation: Johannes Schulten

In der deutschsprachgen Presse wird wenig über Lateinamerika berichtet. Bis auf wenige Ausnahmen findet man in zahlreichen Ausgaben der Tagespresse kaum einen Bericht und nur selten längere Reportagen über Ereignisse auf dem Kontinent. Wird tagesaktuell berichtet, fällt auf, dass immer wieder diesselben Ereignisse im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen; so bestimmen die verbalen Ausfälle von Hugo Chávez und Sportnachrichten unser Bild Lateinamerikas. Darüber hinaus ist eine Tendenz festzustellen, dass über die demokratischen Transformationen auf dem Kontinent seit dem Amtsantritt sog. (Mittel)Links-Regierungen oft pauschal ablehnend berichtet wird. Bestes Beispiel hierfür ist die Berichterstattung über die Nichtverlängerung der Sendelizenz des venezolanischen Fernsehkanals RCTV. Ein Ereignis, dass nicht nur in Lateinamerika eigentlich keine Besonderheit ist, wird zur Bedrohung eines demokratischen Systems stilisiert, begleitet von Fehlinformationen und heftiger Meinungsmache. Auch in den neuen Mediengesetze, die in einigen Ländern des Kontinents in demokratischen Verfahren verabschiedet wurden, sahen große Teile der deutschsprachigen Medien eine Einschränkung der Pressefreiheit (vgl. etwa FAZ und NZZ). Während etwa die UNO die neuen argentinischen Mediengesetze als demokratisches Vorbild weltweit lobt, konzentriert sich die Berichterstattung von weiten Teilen der deutschen Presse auf den Streit zwischen der argentinischen Regierung und der Mediengruppe Clarín. Aus der Gesellschaft angestoßene und von der Regierung aufgenommene demokratische Reformen der Mediengesetze werden so in der medialen Wahrnehmung zu einem Klinsch zwischen Regierung und Medien degradiert.
Wie kommt es, dass JournalistInnen aus Deutschland, dessen System der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ebenfalls eine starke Regulierung des Mediensystens zugrunde liegt, in solchen demokratischen Reformen eine Gefahr für die Pressefreiheit sehen? Was ist dafür verantwortlich, dass Hugo Chávez das Hassobjekt der deutschen Presse zu sein scheint. Äußern sich hierin ideologische Vorbehalte oder sind es die Strukturen der Auslandsberichterstattung, fehlende Kapazitäten und Marktmechanismen, deren unintendiertes Produkt diese Art der Berichterstattung ist?

Gerade die Auslandsberichterstattung hat einen großen Einfluss auf die (politische) Meinungsbildung der Bevölkerung, da sich die RezipientInnen kein eigenes Bild vor Ort machen können. Wir sind angewiesen auf die Berichte der Presse und vor allem die Auswahl der Nachrichten über den Kontinent. Gleichzeitig wird seit den 1990er Jahren das Netz deutscher KorreposndentInnen in Lateinamerika immer mehr ausgedünnt. Agenturen, Pauschalisten und freie JournalistInnen füllen diese Lücke, während sie zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes darauf angewiesen sind mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Berichte zu verkaufen. Selbst die Agenturen haben kaum Kapazitäten vor Ort. So ist bspw. die dpa mit nur drei Korrespondenten für die mehr als 20 Länder eher schlecht ausgestattet. KorrespondentInnen und freie Journalisten sitzen indes in den Hauptstädten weniger „attraktiver“ Länder; in Buenos Aires, Mexiko Stadt oder São Paulo. Eigene Recherchearbeit oder lediglich die Präsenz am Ort der Geschehnisse, über die berichtet wird, scheint unter diesen Bedingungen kaum noch möglich. Es bleibt lediglich bei anderen und bei lokalen Medien abzuschreiben, die seit dem Amtsantritt vieler (Mitte)Links-Regierung in ihrer Mehrzahl regierungskritisch sind. Wie ist unter diesen Bedingungen eine gute Berichterstattung möglich?
Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland viele Basismedien, die über Lateinamerika berichten. In den Lateinamerika Nachrichten, der ila, im Pressedienst NPLA oder auf amerika21 berichten JournalistInnen, oft im Nebenbruf oder als Ehrenamtliche, fundiert und mit viel Insiderwissen über den Kontinent; schreiben ExpertInnen und WissenschaftlerInnen über Ihre Spezialthemen; ein Wissen, dass sich professionelle JournalistInnen nicht für jedes Land und jede Problematik erwerben können. Warum wird auf diese Expertise so selten in der der Tagespresse zurück gegriffen? Sind es ideologische Gräben, die nicht überwunden werden können oder fehlen hier lediglich die Kommunikationswege? Wie könnte der Austausch zwischen JournalistInnen von der Basis mit der „Mainstreampresse“ verbessert werden?

In der Podiumsdiskussionen sollen zunächst verschiedene Einschätzungen zur lateinamerikaberichterstattung deutschsprachiger Medien gegeben werden, um auf dieser Grundlage die angesprochenen Probleme zu diskutieren.