„Medien sind Teil kapitalistischen Wirtschaftens und das Eingebundensein der Medien in den Prozess der Globalisierung bedarf vor diesem Hintergrund dringend einer politisierten Analyse. Dazu sollte herrschaftskritisch kontextualisiert wieder ein innerer Zusammenhang zwischen Medienlandschaft, sozio-ökonomischen Produktionsbedingungen von Medien und deren Inhalten gestiftet werden.“1

Lateinamerika hat in den letzten Jahren eine Reihe gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Umbrüche erlebt. Im Kontext der Wahl von (Mitte-)Links-Regierungen in vielen Ländern des Kontinents wird inzwischen vom Verfall neoliberaler Hegemonie gesprochen. Bei Regierungshandeln und Gesetzgebung wurde in einigen Ländern nach und nach mit neoliberalen Konzepten gebrochen. Doch wie sieht es im Bereich der Medien(politik) aus? Nachdem die offene und durch direkte Gewalt unterstützte Zensur der Militärregierungen mit dem Übergang zur Demokratie endete, hatten lateinamerikanische Regierungen Anfang der 1980er Jahre mit Schuldenkrisen zu kämpfen und die darauf folgend vom IWF implementierten Strukturanpassungsprogramme erstickten ihre politische Handlungsfähigkeit auch im Bereich der Medienpolitik. Privatisierung und Deregulierung begünstigten und beschleunigten die Konzentration der Medienmacht bei privaten Akteuren, welche nicht die Schaffung demokratischer Öffentlichkeit, sondern Gewinnmaximierung zum Ziel haben. Heute sehen sich (Mitte-)Links-Regierungen nicht nur mit dem ökonomischen Erbe neoliberaler Politik konfrontiert, oft haben sie auch mit mächtigen (oppositionellen) Medienkonglomeraten zu kämpfen. Deshalb resümiert etwa Aram Aharonien die Macht des Kapitals:„Die Militärdiktaturen sind durch Mediendiktaturen ersetzt worden“2
Nach der Jahrtausendwende und der teilweisen Abkehr vom neoliberalen Modell versuchen die (Mitte)Links-Regierungen ihren Einfluss auf die Medien zurückzugewinnen und sie nicht nur formell, sondern auch in der Praxis zu demokratisieren. „Die Schaffung alternativer Kommunikationskanäle, die nicht nach dem Marktprinzip funktionieren, ist für die Demokratisierung der politischen Öffentlichkeit eine unumgängliche Voraussetzung.“3 So hat bspw. der argentinische Senat im Herbst 2009 ein neues Mediengesetz verabschiedet, in Venezuela ging die Sendefrequenz des, am Putsch gegen Húgo Chávez beteiligten TV-Kanals RCTV in staatliche Hand über und mit dem länderübergreifenden Sender TeleSur versuchen mehrere Regierungen gemeinsam eine staatlich gelenkte Alternative zur Dominanz von CNN und Co. in Lateinamerika aufzubauen. Diese neuen Gesetze und Initiativen greifen bestehende private Medienmonopole an, die politisch fast ausschließlich der Opposition nahe stehen oder direkte personelle Verbindungen zu dieser besitzen. Sogar ein Vertreter der „Weltvereinigung der kommunitären Radios“ (AMARC), Gustavo Gomez sagt: „Eine Politik, die sich darauf beschränkt, kommunitäre Sender zu unterstützen, wird nicht ausreichen, um die Macht zu brechen. Eine integrale Politik ist erforderlich, die Medienkonzentration kontrolliert und Medienmacht begrenzt.“4 In Ländern wie Mexiko oder Kolumbien dagegen bleibt die politische und wirtschaftliche Macht dieser Medienmonopole ungebrochen.
Während die UNO bspw. die neuen Mediengesetze in Argentinien als demokratisches Vorbild lobt, bezeichnen große Teile der deutschen Presse diese medienpolitischen Maßnahmen als „autoritär“ und sehen in ihnen eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit.5 Diese Berichterstattung entspricht einer allgemeinen Tendenz der deutschsprachigen Presse, welche die demokratischen Transformationen in Lateinamerika nicht nur kritisch, sondern oft pauschal ablehnend begleiten. Was sind die Gründe für diese Berichterstattung? Sind Strukturen oder Ideologien dafür verantwortlich? Ein Beitrag zu dieser kritischen Analyse liefert die Auseinandersetzung mit der Arbeit von Basismedien als Alternative in Deutschland und in Lateinamerika.

Der Fokus der Tagung liegt auf der Medienpolitik verschiedener lateinamerikanischer Länder und ihrer Darstellung in der deutschsprachigen Presse. Zu fragen ist nach den Potenzialen und Schwierigkeiten der neuen Mediengesetze, nach den gesellschaftlichen Entstehungskontexten und beteiligten Akteur_innen. Was sind die maßgeblichen Neuerungen? Welche Unterschiede ergeben sich von Land zu Land? Welche gesellschaftlichen Gruppen hat die Reformen angestoßen und wessen Interessen werden verfolgt? Wie erfolgt die Umsetzung? Welche Basisorganisationen werden eingebunden? Wer soll in Zukunft wie Medien betreiben und kontrollieren? Wie soll die Zukünftige Medienlandschaft aussehen? Letztlich soll die Frage beantwortet werden: Wie demokratisch sind die neue Medienpolitiken? Bei der kritischen Analyse der Berichterstattung deutschsprachiger Medien muss nach ihren multiplen Bestimmungsfaktoren gefragt werden, wobei sowohl strukturelle Zwänge der Auslandsberichterstattung, als auch ideologische Momente beachtet werden. Vor diesen Hintergrund sollen auch die Möglichkeiten und Grenzen einer kritischen Lateinamerikaberichterstattung durch Basismedien im deutschsprachigen Raum diskutiert werden.
Daraus folgend ergeben sich vier zentrale thematische Schwerpunkte der Tagung:

1) Aktuelle Entwicklungen in Lateinamerika: Neue Mediengesetze und alte Machtverhältnisse
2) Analyse der deutschen Lateinamerikaberichterstattung
3) Lateinamerikaberichterstattung von Basismedien in Deutschland
4) Basismedien in Lateinamerika

Wir laden alle herzlich ein, die sich für das Thema Medien und/oder Lateinamerika interessieren und wollen gleichzeitig eine Austauschplattform zwischen Lateinamerikainteressierten, Medienschaffende, Journalist_innen, Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen schaffen. Es sollen Kenntnisse vertieft und Wissen ausgetauscht werden. Neben Vorträgen und Diskussionen im Plenum und in Workshops ist der Vernetzungscharakter ein zentrales Anliegen. Einleitend wird es zu jedem Themenbereich einen Vortrag geben, der in das Themenfeld einführt und die wichtigsten theoretischen und empirischen Hintergründe präsentiert. In den Workshops werden einzelne Aspekte vertiefend behandelt. Darüber hinaus bieten die Workshops eine Austauschplattform für Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen und einen Rahmen, um gegenseitige Perspektiven zu verstehen, Kontakte zu knüpfen und möglicherweise zukünftige Projekte und Zusammenarbeit zu initiieren. Am Sonntagmorgen (Worldcafé, moderierte Vernetzung) wird deswegen die enge Tagungsstruktur aufgebrochen und Raum für direkten und angeleiteten Austausch gegeben.

Trotz der Wichtigkeit und Aktualität des Themenfeldes gibt es im deutschsprachigen Raum noch keine gebündelten und vielseitigen Analysen zum Themenbereich. Deswegen ist im Anschluss an die Tagung ein Sammelband geplant. In diesem sollen die Tagungsbeiträgen sowie Ergebnisse der und geführten Diskussionen aufgeführt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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1 Leidinger, Christiane (2003): Medien Herrschaft Globalisierung. Folgenabschätzungen zu Medieninhalten im Zuge transnationaler Konzentrationsprozesse, Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 18, Hervorhebungen im Original.
2 Aram Aharonian, zitiert nach Hübener (2009): Mediale Kreuzzüge. URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dasfeature/878690/ Aharonian hat in Venezuela für diverse ausländische Zeitungen geschrieben, Telesur mitgegründet und arbeitet inzwischen wieder als freier Journalist, weil er die Abhängigkeit Telesurs von venezuelas Regierung zu stark findet.
3 Hetzer, Andreas (2008): Medienpolitische Initiativen der Regierung Morales, in Schmalz, Stefan/ Ernst, Tanja: Die Neugründung Boliviens? Die Regierung Morales, Baden-Baden: Nomos, S. 183.
4 Gustavo Gomez , zit. nach Hübener, Karl-Ludolf (2009): Mediale Kreuzzüge. Lateinamerikas Medienkonzerne; (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dasfeature/878690/, Letzter Zugriff: 5.9.2010).
5 Die Neue Züricher Zeitung beispielsweise titelt am 14. September 2009: “Schatten über der Pressefreiheit in Argentinien“ und beschreibt das Regierungsvorhaben eines neuen Mediengesetzes als Beginn einer „beachtlichen Einschränkung der Pressefreiheit“; (http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/schatten_ueber_der_pressefreiheit_in_argentinien_1.3554522.html).